Schönenberg – Sihlsprung – Sihlbrugg ZG

28.05.2021

Nummerierungen in Klammern wie (1) beziehen sich auf jene der Routen-Karte.

Hintergrund: Unter Schäggenrain (8)

Hintergrund: Unter Schäggenrain (8)

Ist das nicht der Strand auf La Digue, Seychellen, Indischer Ozean?

 

Juhui! Endlich wieder mal Sonne, die sich den ganzen Nachmittag nicht verziehen soll. Höhen mit weichen Pfaden kommen wegen der letzten regnerischen Tage nach wie vor nicht in Frage. Habe ich jetzt schon wieder über's Wetter palavert? Fertig jetzt!

Da fällt mir ein, dass mich ein Arbeitskollege auf eine Schlucht aufmerksam gemacht hat. Die liegt allerdings etwas zu weit weg für meinen Zeithorizont in dieser Woche, im Toggenburg. Also wird die mal verschoben ... die Wanderung natürlich, nicht die Schlucht, haha. Vielleicht hat ja die Sihl auch eine Schlucht? Der Fluss, der die Limmat ab dem Zürcher Hauptbahnhof oft mit einer braunen Spur versieht, entspringt doch in der Innerschweizer Provinz. Von dort bis zur Limmat hat's bestimmt was Aufregendes. 

Es soll nicht ein mickriges Töbeli sein, nein: eine unendlich tiefe Schlucht mit riesigen, senkrechten Felswänden, die das wilde, tosende, unzähmbare Wasser flankieren. Natürlich soll auch ein komfortabler Weg auf einer Seite in den Fels gehauen sein, damit ich mit meinen rosaroten Ballerinas dort entlangtäppeln kann. Nun ja, wie befürchtet muss ich meine wilde Phantasie zähmen, damit ich überhaupt eine Route festlegen kann. Da gibt's tatsächlich was: der Sihlsprung (@Wikipedia). Ich gehe bei «Sprung» von der Bedeutung «Riss» aus. Die Sihl hat also offenbar einen Sprung in der Schüssel provoziert.

Nach einer Internetsuche inspiriert von:

Start an der ÖV-Station Schönenberg ZH, Neubad

Bei Säge (1)

01 Bei Säge

Die Einfallslosigkeit, sie öffnet ihre Pforte,
deshalb find' zu diesem Bild ich einfach keine Worte.

Säge / Suhner/Suener (2)

02 Säge / Suhner/Suener

Akklimatisierung an die Sihlschlucht

Suenerstäg (3)

03 Suenerstäg

Noch nicht viel von Sprung und Schlucht, aber die Erwartungen sind gross. Ich bin schon ganz aufgeregt.

Sihlmatt Menzingen (4)

04 Sihlmatt Menzingen

Ach ja, die Restaurant-Terrassen sind ja wieder offen. Ich muss mich nach über einem Jahr wieder daran gewöhnen, dass die Covid-19-Pandemie vielleicht langsam überstanden ist und sich überall wieder Leute anspuderen dürfen.

Sihlsprung Eingang (5)

05a Sihlsprung Eingang

Geheimnisvoller Übergang zur Wildnis: Ich bin sozusagen auf dem Sprung.

05b Sihlsprung Eingang

Bin ich im Tunnel auf die Strasse entlang des Walensees katapultiert worden?

Im Sihlsprung (6)

06 Im Sihlsprung

Einschlägiges oder natürliche Grenzmauer?

Mit «wogendem Wasser», «spritzend, zischend und sprudelnd» wird die Sihl in ihrem Sprung auf einer Webseite beschrieben. Weder spüre noch sehe geschweige denn höre ich irgend etwas davon. An meinem Wandertag ist sie friedlich, rauscht ein bisschen, also maximal kräuselnd oder blubbernd.

Unter Brunnenweidboden (7)

07a Unter Brunnenweidboden

Von senkrechten Felswänden, wie ich sie phantasiert habe keine Spur. Dafür aber richtig uriger Wald, der die Nagelfluhfelsen überwuchert, soweit das Auge reicht. Für Musikliebhaber zwitschern die Vögel, soweit das Ohr hört. Für Insektenschwärmer fliegen die Mücken, soweit die Haut erträgt (zu dieser Jahreszeit noch nicht krass).

07b Unter Brunnenweidboden

Auch hier wird nicht getost, sondern geplätschert oder im besten Fall etwas gerauscht.

Unter Schnäggenrain (8)

08a Unter Schnäggenrain

Wie ein junges Reh fühle ich mich. Zwar hüpfe ich nicht gerade, aber immerhin treibt der Wald die alte Frau in mir temporär aus.

Steingass / Ernihalden (9)

09 Steingass / Ernihalden

Der Sihlzufluss verrät mir, woher die braune Farbe in der Limmat (auch) stammt.

Bei Ernihalden (10)

10 Bei Ernihalden

Der Aargau'sche Hügel zeigt mir den Weg aus dem Sihl'schen Schlund. Schade, ich habe mich nicht sattfühlen können.

Sihlsprung Ausgang (11)

11 Sihlsprung Ausgang

Das für mich bisher typische Sihlbild: mehr Bach als untiefer Fluss an Matten. Es wird heute revidiert, und ich anerkenne ihre Vielfältigkeit.

Sihlmatt Horgen (12)

12a Sihlmatt Horgen

Die Bäsebeiz lasse ich rechts liegen.

12b Sihlmatt Horgen

Woran wohl wer erinnert werden soll? Lass Dich nicht unterkriegen von kleingeistigen Quälern, kleiner Baum!

Hundwaag (13)

13 Hundwaag

Spätestens hier bin ich endgültig ein Sihlfan.

Bei Cholgrueb (14)

14 Bei Cholgrueb

Die kleine scheue Schwester vom grossen, protzenden Sprung will sich verstecken, aber ich entdecke sie.

Schiffli (15)

Zurück aus der Wildnis in der «Zivilisation». Im Gegensatz zur Bedeutung des Wortes empfinde ich es eher deprimierend.

15a Schiffli

15b Schiffli

15c Schiffli

Nun, ja ... mit solcher «Zivilisation» kann ich gut leben.

Bei Schiffli (16)

16 Bei Schiffli

Links und rechts tönt es «wrummm» und «roaaarrr»: Ich laufe, bzw. die Sihl ist eingeklemmt zwischen zwei in Sihlbrugg aufeinandertreffenden, dicht befahrenen Strassen. Haben alle das selbe Ziel wie ich, Sihlbrugg zu transitten?

Zwei Biker kommen mir entgegen (nicht an dieser Stelle). Sie stossen ihre Fahrzeuge. Was ergibt das für einen Sinn? Ich sehe zwar, dass auf dem Wanderpfad, wo wir uns aneinander vorbeizwängen müssen, offenbar für Mountainbikes unüberwindbare Steine liegen. Nochmals stelle ich mir die Sinnfrage.

Mir fallen die Pflotschlöcher ein, die ich heute umgehen musste. Hätte ich diese doch als Beweise Nummern 1'345 bis 1'366 fotografiert. Eine dieser Kloaken ist mit etwa drei Metern Durchmesser mein persönlicher Erlebnisrekord. Auf Anfrage kann ich das Bild liefern. Meine Auseinandersetzung mit dieser scheinbar unlösbaren Problematik kann auf der Seite Regensdorf – Killwangen AG nachgelesen werden.

Sihlbrugg Eingang (17)

17 Sihlbrugg Eingang

Ah, DER darf natürlich auf dem Wanderweg so parkieren, dass ich auf die Strasse ausweichen muss: Tesla mit SUV-Attitüde.

Sihlbrugg «Dorf» (19a)

19a Sihlbrugg «Dorf»

Ich wusste ja, dass Sihlbrugg kein heimeliger Ort ist, aber habe es offenbar verdrängt. SUVs, meine Lieblingsautotypen, umzingeln mich. Wohl wurde ich auf dem letzten Streckenabschnitt mental etwas auf dieses Motorfahrzeugparadies vorbereitet, aber dass es mich gleich fast erschlägt, habe ich nicht erwartet. Das Sihlsprung'sche Pathos, das mich überwältigt hatte, weicht einem Gefühl von Verlorenheit, wenn nicht gar Leere. So generiere ich halt ein neues Pathos, diesmal am anderen Ende der emotionalen Skala:

Der absolute Horror! Ich bin in der Hölle! Der Fall ist wirklich tief: War ich nicht gerade im Himmel, in unberührter, altgewachsener Natur, erfüllt von Glücksgefühlen, Leichtigkeit und positiver Energie? Jetzt stehe ich da, staune mit hinuntergeklapptem Kiefer, was man da mitten in einem Wald hingepflastert hat, lausche dem Verkehrslärm und schnuppere Abgase. Wie habe ich das verdient? Wofür werde ich nur bestraft? Dass ich als Kind mal Guetsli aus dem verbotenen Schränkli mit verbotenen Sachen gestohlen habe (die katholische Erziehung lässt grüssen)? Oder vielleicht, weil ich öfter SUV-Bashing betreibe?

Als Fussgängerin fühle ich mich total gestresst hier. Das «Dorf» ist vollständig für Autofahrer(innen) – oder genauer: für amag-Kunden – gebaut. Es besteht auf den ersten Blick eigentlich nur aus Gebäuden und Parkplätzen der Emil Frey AG, Zürich. Wir befinden uns hier wolhlgemerkt gleich über der Grenze im Kanton Zug ... merksch öppis!? Ok, um fair zu sein: Nebst amag-Gebäuden mit teilweise nordamerikanischen Dimensionen hat's da auch noch je eine Migrol- und Shell-Tankstelle sowie ein Motel, damit man gleich vom Fahrzeug in's Bett hüpfen kann, wenn man sich nicht gleichentags für einen Fahrzeugtyp entscheiden kann.

Ich wollte eigentlich noch bis Sihlbrugg «Station» laufen. Mir ist jedoch die Wanderlust total vergangen. Der Fahrplan der Busstation «Dorf» hiobsbotschaftet, dass kein Bus innerhalb einer noch knapp erträglichen Wartezeit fährt. Also zwänge/zwinge ich mich durch die Verkehrshölle, um den erlösenden Sihlweg zu erreichen.

Sihlhalden (18)

Da steh' ich nun auf dem Hügel und mag nicht mehr. Meine Füsse schmerzen plötzlich – wie angeworfen. Der Wegweiser prophezeit noch eine Fussstunde bis Sihlbrugg Station. Als Kampfwanderin würde ich's bestimmt schneller schaffen.

Ich konsultiere die Fahrplan-App der SBB. Wie? Was? Wo? Warum? Es fahre kein Bus mehr am Alten Bahnhof Sihlbrugg heute, behauptet sie. Das kann doch nicht sein, ich habe die Busfahrtenfrequenz vor der Abreise extra noch abgecheckt. Also die ZVV-App öffnen und vergleichen: Die sagen, dass alle Stunden einer Richtung Horgen fährt. Na also! Aber nur alle Stunden? Ratlos drehe ich mich gedanklich im Kreis und stoppe bei «Ich will nur noch nach Hause». Inzwischen wird mich bestimmt ein Bus in «Sihlbrugg amag» erlösen. Also wieder zurück.

Sihlbrugg Dorf (19b)

19b Sihlbrugg Dorf

Doch noch ein Glücksmoment: Ein Bus steht da. Ich danke innerlich der umständlich Billet lösenden Frau, die die Abfahrt verzögert. Ohne sie hätte ich den Bus nie und nimmer erwischt.

Während der Nachhausefahrt suhle ich mich in meinem Leid. Hätte ich mich bereits vor Sihlbrugg emotional auf den Horrortrip vorbereiten sollen? Nein, die Gegenwart war schöner. Und ach, die Leute im ÖV nerven: Es wird mir fast schlecht vom Geruch der überparfümierten Frau; die andere im Zug regt mich auf, weil sie die Corona-Maske unterhalb der Nase trägt. Halt einfach so Zeug, wenn man schlecht drauf ist.

Mein armer Partner zuhause wird wohl wieder einmal vorgeben müssen, meinem Gejammer zuzuhören und mich empathisch zu verstehen. Ich nehme mir vor, ihn zu einer Pizza bei «unserem Italiener» einzuladen, um sein Leid – das wohl ein anderes sein wird als meins – etwas erträglicher zu gestalten.

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